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Jonas,
9 Januar 2012
Mexico
, Morelia
25°
Lange habe ich nichts von mir hören lassen …
Fühlt euch herzlichst gegrüßt,
vor gut einem Monat habe ich Morelia verlassen und bin in Richtung Oaxaca aufgebrochen, der erste Schritt auf einem fast 5.000 Kilometer langem Weg durch den Süden Mexikos. Einen Monat habe ich mich aus unserer Medienwelt abgenabelt und habe dafür Geschichten, Farben, Geräusche, Freundschaften und Abenteuer gesammelt. Mein Problem ist nun, dass ich so unglaublich viele verschiedene innerliche, wie auch weltliche Horizonte erblicken durfte, dass ich ganz unsicher bin, wo ich den Faden der Geschichte einfädeln muss, um euch Lieben nicht zu erschlagen und trotzdem meinen Gedanken und Erinnerungen freien Lauf zu lassen.
Vielleicht ist es ja gar nicht so unklug einfach mit dem wichtigsten unserer Grundbedürfnisse zu beginnen, welches uns alle auf der Welt verbindet. Schlafen. Wenn man sich auf eine Reise macht, wachsen die grundlegendsten und einfachsten Fragen des Tages zu riesigen Aufgaben heran. Manchmal scheinen sie gar unlösbar zu sein. Wo kann ich sicher schlafen? Finde ich etwas zu essen? Und wo kann ich etwas zu trinken organisieren? Müsste ich noch eine weitere Frage hinzufügen? Ich glaube nicht.
Ich gehe zum Kühlschrank, öffne die Tür und bin von meinen Aufgaben erlöst. Durchquere nach einem langen Tag nur noch müde den Flur, vier Schritte weiter und ich lasse mich in mein weiches Bett fallen. Decke bis zu den Ohren heraufziehen, Äugelein schließen und einfach träumen. Herrlich.
Moment … ich bin im falschen Film. Entschuldigt bitte. Den letzten Monat habe ich genau eine einzige Nacht in einem Bett geschlafen. Den Rest der Nächte hatte ich entweder in Kletterhallen oder an diversen Stränden verbracht. Mal im Zelt, mal unter den Sternen und immer auf meiner mir sehr lieb gewordenen Isomatte. Oh, ich habe beinahe die Nacht im Dschungel vergessen. Wir zelteten im Affengeschrei und verbrachten eine der feuchtesten Nächte der gesamten Reise.
Kühlschränke habe ich auch schon lange nicht mehr gesehen.
In Oaxaca hatte ich von Ahmed eine Adresse empfohlen bekommen, in der ich unterkommen konnte. Eine Kletterhalle, in der ich günstig mein Zelt aufschlagen konnte. Eigentlich wollte ich nur eine Nacht verweilen und dann gleich weiter zu den Fischern nach Puerto Angel fahren, habe mich dann aber so wohl gefühlt, dass ich mich entschied noch ein paar Tage länger zu bleiben. Es war eine exzellente Entscheidung, denn in meiner ersten Nacht in Oaxaca kam mich das Durchfall-Monster besuchen und nach einigen Stunden fühlte es sich anscheinend so alleingelassen, dass es auch noch seine Freundin die Brech-Hexe einlud. Die beiden fühlten sich derart wohl in meinem Zelt, dass sie mich den ganzen Tag nicht mehr alleinlassen wollten. Ich lag also wie ein Häufchen Elend auf meiner Isomatte und sprintete ab und an zur Toilette. Die Reise hätte nicht beschissener beginnen können
. Abends begann dann das Training in der Kletterhalle und ich fühlte mich so gut, dass ich mein blasses Gesicht aufs Sofa verfrachtete und der Horde beim Klettern zusah und dabei meinen Flüssigkeitshaushalt endlich wieder auffüllen konnte. Nach drei Stunden ging es mir sichtlich besser und am kommenden Tag gingen wir auch schon wieder klettern. Ich blieb noch ein paar Tage in Oaxaca und nahm an einem Boulder-Marathon teil. Kurz vor Beginn des Wettbewerbs klopften zwei neugewonnene Freunde an meine Zelttür: „Hey Momo! Willst du mit klettern?“ Klar, ich schälte mich geschwind aus meinem Schlafsack heraus und blinzelte in die versammelte Gruppe hinein. Ich hatte mit Sicherheit das verschlafenste Gesicht aller Anwesenden. Wir kletterten vier Stunden ein bisschen gegeneinander und hauptsächlich miteinander, bis die Fingerkuppen beim Angucken der Griffe schmerzten und brannten. Es war ein sehr lustiger und kräfteraubender Morgen gewesen und ich entschied mich noch am selben Tag meine Weiterreise nach Puerto Angel in die Wege zu leiten.
Ich hatte nicht die geringste Idee, was mich in Puerto Angel erwarten würde. Die letzten Nachrichten, die ich erhalten hatte, waren eher nicht so ermutigend gewesen und hatten mich viel zum hin und her schwanken gebracht. Dann dachte ich mir aber, dass ich die Fischer und nicht die Politiker der Region besuchen wollte. Und um mit den Fischern in Kontakt zu treten gibt es nur eine einzige Möglichkeit. Man muss bis zu dem Strand fahren und sich durchfragen, bis man denjenigen gefunden hat, den man suchte. Kein Handy, kein Internet … das pure hier und jetzt.
Würde sich Capitan Mantaraya an mich erinnern? Würde ich ihn antreffen? Wo kann ich schlafen, wenn ich niemanden finden würde? Tausend Fragen schwebten mir durch den Kopf und ließen etwas Ungewissheit in mir aufflammen.
Nachdem ich sieben Stunden unterwegs war und die Sierra Madre ein weiteres Mal überquert hatte, spazierte ich barfuß zum Strand der Hoffnung. Ich war keine Minuten am Strand, da sah ich den Capitan schon in einem riesigen Netz stehen und Löcher flicken. Im selben Moment war ich auch schon herzlich aufgenommen, hatte einen Platz für mein Zelt zugewiesen bekommen und begann das Leben mit einen der ärmsten und auf eine herzliche Art doch sehr reichen Menschen zu teilen.
Wir standen mit der aufgehenden Sonne auf, hakten den Strand sauber, bevor sich die Fischer ans Netz flicken machten und ich ihnen dabei zu sah, mein Buch las, Tagebuch schrieb oder einfach nur dem Meer beim Rauschen zu hörte. Zu meinen Füßen wachten Hund und Katze über das Geschehen und forderten ab und an eine Krauleinheit, die deren Hundeleben, um noch ein paar weitere Genusslevels anhob. Ich durchlebte einige sehr entspannende und ruhige Tage, in denen ich wieder zu meiner inneren Ruhe zurück fand, die mir Zeitweise verloren gegangen war.
Über allem Entspannen prägten und beeindruckten mich vor allem die Lebensgeschichten der Fischer, die sie mir bei unseren nächtlichen Männerrunden unterm Sternenhimmel erzählten. Wir schlürften Kaffee und aßen Brot und sie sagten mir beinahe geheimnisvoll: „ Hey … das musst du in deinem Buch schreiben. Damit die Welt erfährt, wie wir hier leben.“.
Bleibt ein Paradies ein Paradies, wenn es zum Gefängnis wird? Erscheinen uns Paradiese so unglaublich schön, weil wir aus ihnen wieder herausschlüpfen müssen oder können?
Einer der Fischer, wurde wegen irgendwelcher Streitereien in seinem Heimatdorf beinahe erschossen. Ihm blieb nichts anderes übrig als Hab und Gut, sowie Familie zurück zu lassen. Nun lebt er mit dem was er am Leib trug in Puerto Angel. Schläft auf dem Netz, welches er den Tag über flickt - eine dünne Decke wurde ihm geliehen. Drei Stunden von seinem zu Hause entfernt bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich das Essen für den Tag und einen Schlafplatz zu erarbeiten. Lohn wurde ihm seit Wochen schon nicht mehr bezahlt. Und trotz allem lachten wir eine Menge gemeinsam. Trübsinn und Zerschlagenheit müsste man an anderer Stelle suchen.
Um den Arbeitsvertrag offiziell aus zu stellen, forderte der Patron von einem anderen Fischer sämtliche Dokumente ein, die er bis heute (nach mehr als zwei Jahren) nicht wieder zurück erhalten hat.
Wo soll man hinfahren, wenn beide Ausgänge des Dorfes Polizei- und Militärkontrollen unterzogen werden? Ohne Papiere kann man sich in Mexiko so frei bewegen, wie eine Palme am Strand. Um neue Papiere beantragen zu können, müsste er in sein Heimatdorf zurück kehren und außerdem das nötige Kleingeld dafür auftreiben. Die Polizei? Keine Chance … die stehen auch alle unter dem unglaublichen Einfluss des Patron. Eines Nachts erzählte mir Walter: „ Wenn ich dir alles erzählen würde, was ich weiß, würdest du nicht mehr zurück kehren wollen!“ Welch eine Aussage. Und das Traurige ist, dass ich ihm das wirklich glauben kann.
Obendrein wollen die Fischer ja auch gar nicht wirklich aus ihrem kleinen Paradies fliehen. So lange es etwas zu Essen gibt und sie raus aufs Meer fahren können, ist doch alles im Lot. An manchen Abenden wird sich über den Patron ausgelassen: Dampf raus, über das Leben lächeln, schlafen und morgen geht’s weiter. Ich bin beeindruckt, wie diese Männer aus derart eingeschränkten Lebensverhältnissen eine derart enorme Freiheit und innere Ausgeglichenheit ziehen können und jeden Tag aufs Neue ihr Paradies genießen, ohne wirklich zu wissen, was sie erwartet.
Ich bin unglaublich dankbar für den Horizont, den mir die Fischer eröffneten, in dem sie mich an ihrem Leben Teil haben lassen.
Wir fuhren zum Angeln hinaus, als uns bei einer Siesta ein unglaublicher Heißhunger auf frischen Fisch überfiel. Fischschwärme knapp unter der Wasseroberfläche, ließen das Meer brodeln und kochen. Es sah aus, als ob Wasser am Sieden wäre. Mittendrin die Schildkröten und in einiger Entfernung sprangen die Delfine ihre Pirouetten. Unser Fang schmeckte herrlich.
Als ich einige Tage später gemeinsam mit meinen Freunden an den Strand zurückkehrte, sahen wir sogar noch einige Wale. Ein majestätischer Anblick. Geschmeidig tauchten die riesigen Tiere aus dem Meer auf, bliesen ihren Atem geräuschvoll in den blauen Himmel hinauf, um einen Augenblick später wieder zu verschwinden. Manchmal erhoben sie wie zum Gruß ihre schweren Schwanzflossen aus dem Pazifik hervor. Diesen Moment werde ich wohl nie mehr vergessen können.
Zwei Wochen des allein unterwegs seins, vergingen für mich wie im Flug. Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich behaupten darf, alleine unterwegs gewesen zu sein. Natürlich konnte ich meinen Weg und meine Aktivitäten für mich individuell entscheiden und ich habe diese Freiheiten unheimlich genossen. Ich habe die Nächte alleine in meinem Zelt verbracht und mich um meine Grundbedürfnisse gekümmert. Ich hatte eine Menge Zeit mich mit mir selbst auseinander zu setzten und die vergangenen Wochen und Monate etwas zu reflektieren, aber ich war nicht einen einzigen kompletten Tag alleine gelassen. Immer fand sich irgendjemand, mit dem man einen kleinen Schnack halten konnte, ehe jeder seinen eigenen Wegen folgte. Ich war allein und dennoch niemals einsam!
Von Puerto Angel bin ich nach Puerto Escondido gefahren, um erneut die siebenstündige Gebirgsüberquerung nach Oaxaca zu meistern und mich zu Weihnachten mit meinen Freunden zu treffen. Entfernungen und Reisezeiten relativieren sich hier immer mehr. Was sind schon sieben Stunden? Ein Klacks. Auf der Hinfahrt erzählte mir unser Chauffeur, dass er die Tour über die Berge sieben Tage die Woche fährt. Hin- und Rücktour! Stellt euch einen 18 Stunden Arbeitstag vor, fast ununterbrochen im Auto sitzend. Für die Familie bleibt da gar nichts an Zeit übrig und über die Ausübung von Hobbies brauchen wir überhaupt nicht reden. Ein Lebensstiel den ich auf keinen Fall teilen möchte.
Heiligabend haben wir auf einem Markt typische Gerichte aus Oaxaca gegessen. Eine heiße, frisch zu bereitete Schokolade ließ beinahe so etwas wie Weihnachtsstimmung in mir auf glimmen. Beinahe! Auf der Straße sahen wir Umzügen zu und die Kathedrale wurde in ein Lichtspektakel getaucht. Nachts saßen wir gemeinsam in der Kletterhalle und spielten Karten. Ein Weihnachten, wie ich es noch nie erlebt habe … angenehm entspannt und absolut ohne jeglichen Vorweihnachtsstress. Besser gesagt, hätte ich dieses Jahr Weihnachten glatt verpasst, wären meine Freunde nicht nach Oaxaca gekommen. Mit dem Beginn meiner Reise habe ich mein Handy ausgeschaltet und habe so absolut die Zeit vergessen … Die Sonne lässt einem ja auch einigermaßen wissen, ob man noch am Vormittag oder schon zum Mittag aufgestanden ist. Immer wieder muss ich nachfragen welcher Wochentag ist und welches Datum wir schreiben. Dieses Jahr hatte ich mich nicht um ein einziges Geschenk gekümmert, auch das eine Prämiere.
Am ersten Weihnachtstag gingen wir klettern, am Zweiten wurde die Innenstadt von Oaxaca unsicher gemacht und sämtliche Märkte leer geshoppt. Mir graut es schon davor meinen Rucksack packen zu müssen. Aber bis dahin habe ich ja noch ein paar Wochen Zeit. Bloß nicht in Unruhe verfallen, scheint die Devise zu sein.
Nach unseren zwei außergewöhnlichen Weihnachtstagen begann dann ein ganz anderer Stiel des Reisens. In zwei Wochen sollten wir gute 4.000 Kilometer gemeinsam zurücklegen, in denen wir quasi den gesamten Süden Mexikos durchquerten und unzählige verschieden schillernde und leuchtende Horizonte erblickten.
Euch all meine Eindrücke zu beschreiben würde diesen Rahmen eindeutig sprengen. Mein Vorschlag ist, dass ich euch jetzt nur einen kleinen Abriss von den von uns besuchten Orten gebe, damit ihr bei Interesse auf einer Karte unseren Weg nachverfolgen könnt, und dass wir uns in einigen Wochen auf ein gemeinsames Bierchen zusammen setzten und ich dann noch ein wenig mehr erzähle.
Die Reise:
Morelia – Mexiko D.F. – Oaxaca – Puerto Angel – Puerto Escondido – Oaxaca (bis hier war ich alleine)
– San Augustinillo (ein wunderschöner kleiner Strand in der Nähe von Puerto Angel mit herrlichen großen Wellen) – Puerto Angel (Welch kollektive Überraschung und Freude über meine schnelle und unerwartete kurze Rückkehr) – Salina Cruz – Tuxtla Gutiérrez – San Cristóbal de las Casas – Cascadas de Agua Azul (Die blauen Wasserfälle im Herzen Chiapas) – Palenque (Ein kleines vom Tourismus überlaufenes Dörfchen, mit einem wunderschönen Nationalpark. Die Maya-Ruinen von Palenque mitten in einem in allen erdenklichen Grüntönen leuchtenden Dschungel) – Champotón (Unser erster Sonnenuntergang über dem Golf von Mexiko, Atlantik) – Campeche – Mérida (Yucatán) – Playa de Sisal (Ein einzigartiges Neujahrsfest; dazu aber gleich gesondert noch ein wenig mehr.) – Playa del Carmen (Übertrieben viel Tourismus und hässliche Hotelanlagen an weißen Stränden der Karibik; nicht mein Geschmack!) – Xcacel Xcacelito zwischen Akumal und Xel-Há (auch dieser Traumstrand wird gleich noch ein wenig näher beschrieben.) – Tulum (Die wohl berühmtesten Ruinen Mexikos und eine der touristischsten Regionen.) – Cobá (Die Mayakultur hat viele Spuren hinterlassen; in diesen Ruinen kann man sich Fahrräder mieten und von Pyramide zu Pyramide düsen. Mein persönliches Highlight war eine freischwingende Baumwurzel, auf der ich slacken konnte
, sowie ein unterirdischer Cenote mit kristallklarem Wasser und riesigen Stalaktiten.) – Mérida (Die Wege unserer kleinen Gruppe trennten sich; Ruzi und Magda flogen zurück nach Morelia, sie mussten am kommenden Tag arbeiten. Die Familie von Ruzi flog zurück nach Tschechien. Ahmed und ich hatten die Ehre den Leihwagen zurück nach Morelia zu fahren) – Ciudad de Mexico D.F. (Gute 1.300 Kilometer in 17 Stunden; ich versichere euch, wir hatten keine Probleme beim Einschlafen.) – Morelia (Der fast 5.000 Kilometer große Kreis durch den wunderschönen und unglaublich abwechslungsreichen Süden Mexikos hat sich geschlossen; oft empfinde ich es unbegreiflich, was ich alles gesehen und erlebt habe. Seit zwei Tagen drömeln Ahmed und ich nun durch die Weltgeschichte … wir sind noch ziemlich platt.) Als ganz knappen kleinen Überblick erscheinen mir die Zeilen gar nicht so schlecht. Dennoch möchte ich nicht darauf verzichten einige spezielle Situationen und Erlebnisse noch etwas ausführlicher zu schildern. Sie sind es wert festgehalten zu werden.
Silvester am Atlantik. Sisal … ein kilometerlanger weißer Sandstrand mit Abermillionen Muscheln. Weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen, leider auch keine Palme um die Slackline auf zu bauen, dafür konnten wir halt stundenlang Muscheln sammeln und die Rucksäcke noch mehr füllen. Nun ja, es könnte schlimmer sein
. Unser Neujahrsessen hat sich auf trockene Tortillas (Tostadas) mit Avocado beschränkt, begleitet von einigen kühlen Bierchen am Lagerfeuer. Anstelle von Raketen und lauten Böllern, entzündete uns die untergehende Sonne über dem Atlantik im Zusammenspiel mit einigen wilden Wolken und dem Rauschen der Wellen ein atemberaubendes Lichterspektakel. Schöner und besinnlicher kann man doch gar nicht in ein neues Jahr rutschen. Zur selben Zeit, als ich die Sonne hinter dem weiten blauen Horizont verschwinden sah, müsstet ihr ungefähr mit Sekt angestoßen haben. Sieben Stunden Zeitverschiebung haben uns überhaupt nicht gestört und so freuten wir uns alle mit den liebsten Daheimgebliebenen, die nun auf der anderen Seite des Horizontes, den wir sahen, am Feiern waren. Wir warteten, Geschichten erzählend und ins Feuer blinzelnd noch geduldig auf die Geisterstunde, doch gegen zehn Uhr fühlten wir uns alle so müde und erschlagen, dass wir einfach nicht mehr auf die Uhr schauten und beschlossen, dass das neue Jahr begonnen hat
. Die Chance im Atlantik, ohne Erfrierungen zu erleiden, an zu baden konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen und so sprang ich bei aufgehender Sonne splitter faser nackt an einem menschenleeren Strand in die angenehm frischen Neujahrsfluten.
Erster Januar, sieben Uhr in der Frühe. Wir haben beschlossen unsere Zelte so früh wie möglich ein zu packen und unseren Weg bis in die Karibik fort zu führen. Wir durchkreuzen das erste Dörfchen. Eigentlich hat dieses Dorf nichts aber auch gar nichts zu bieten und weniger am Neujahrsmorgen um sieben Uhr. Im Umkreis von Kilometern ist keine Menschenseele zu sehen und die einzigen beiden Ampeln des Dorfes sprangen genau bei unserem Kommen auf rot um. Ahmed fragt noch in die Runde: „Hey, soll ich das neue Jahr mit einer kleinen Verkehrssünde einleiten?“. Links und rechts geguckt und schon war die Ampel hinter uns verschwunden. Das war ja ganz einfach und hat sogar noch Spaß gemacht. Die nächste Ampel, das gleiche Spiel. Murphys Gesetz. Wir sind keinen Block weitergefahren, da zog ein schwarz vermummter Verkehrspolizist auf seinem Motorrad geschmeidig an unserer Seite vorbei und bat uns mit seinen Blinklichtern höflich an zu halten. „No manchies!“ Volltreffer. Es begann eine Komödie, die man schriftlich kaum wahrheitsgetreu übermitteln kann.
Polizist: „ Guten Morgen. Sie haben eine rote Ampel überfahren. Das ist eine Gesetzwidrigkeit!“ Ahmed: „ Ich weiß, Poli. Sie haben ja Recht, aber es ist der 1. Januar …“. Poli: „Gesetz ist Gesetz. Wo würden wir denn hinkommen, wenn mir heute alle erzählen würden, dass wir den 1. Januar schreiben?“ Ahmed: „Sie haben ja Recht, aber ich bin doch wirklich vorsichtig und achtsam über die rote Ampel gefahren!“ Poli: „Ja, das wissen wir doch. Wir haben Sie beobachtet und gesehen, dass Sie sich gut umgesehen haben … aber wir müssen jetzt auf den Kommandanten warten und abwarten, was er zu der Situation sagt.“ Ahmed konnte sich gerade noch den Kommentar verkneifen: „Und Sie glauben ernsthaft, dass sie den Kommandanten jetzt antreffen werden?“ Wir saßen alle im Auto und lachten beinahe schon über die Szene. Hinzu kommt noch, dass im Süden ein Singsang-Dialekt gesprochen wird, der alleine schon für viele Lacher sorgt. Wir warteten noch einige Minuten bis der Poli zurück zu unserem Wagen kam und uns in seinem ernsthaftesten Ton mitteilte, dass der Kommandant zurzeit nicht zu erreichen wäre. Über unseren Köpfen leuchteten die Gedankenwölkchen: „NEIN … Wirklich?! … Das ist ja schade“. Bei dem todernsten Gesichtsausdruck des Poli, bei seiner gravierenden Nachricht, über die Feierlaunen seines Kommandanten, viel es uns schwer nicht los zu gackern.
Der liebenswürdige Polizist hielt dem armen Ahmed noch eine kleine Moralpredigt über die Bedeutung von Verkehrszeichen am Neujahrsmorgen um sieben Uhr in einem ausgestorbenen Dorf und ließ uns dann unseren Weg fortführen. Wir wurden noch bis zum Dorfausgang eskortiert. Der Tag war gerettet … immer wieder spielten wir die Geschichte durch und gaben uns die größten Mühen den Dialekt des Polizisten möglichst im Originalton zu treffen.
Ernsthaft betrachtet, hatten wir ziemlich viel Glück, dass uns diese Geschichte im Süden Mexikos wiederfahren ist. Die Welt scheint dort eine andere zu sein. All die Drogenprobleme des Landesinneren dringen nicht bis in den Dschungel durch. Das Klima ist einfach zu feucht, um Marihuana an zu bauen und alleine dadurch entspannt sich die Gesamtsituation enorm. Ernste aber dennoch höfliche Polizisten, die nicht scharf auf ein Bestechungsgeld sind, würde man nördlich hoffnungslos suchen.
Einige Stunden später standen wir an der Karibikküste, erblickten ein türkisblaues Meer und einen weiteren Horizont. Niemals hätte ich mir träumen lassen, eines Tages in der Karibik zu baden. Wie oben schon erwähnt sind die meisten Strände der Karibik von riesigen Betonkästen bepflastert und entsprechen eher absolut nicht meinem Strand- und Urlaubsideal.
In hunderten Kilometern Strand gibt es genau eine Bucht, die als Bioreservat für Meeresschildkröten vor Touristen und riesigen Hotelanlagen geschützt wird. Dank eines Riffs wird baden an diesem Strand zu einer tödlichen Gefahr. Blaue Wellen, weißer Sand und Palmen soweit das Auge reicht, weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Es ist beinahe ein Wunder, einen solchen Strand in einer der touristischsten Regionen Mexikos zu finden. Verrückt hingegen ist es nach etwas schnacken sogar die Erlaubnis zum Zelten zu erhalten. Mit anderen Worten … ein Traumstrand! Wir übernachteten zwei Nächte am Strand „Xcacel Xcacelito“; an Stelle einer Dusche sprangen wir morgens in den strandeigenen Cenote, einen kleinen See mit kristallklarem Wasser, in dem eine Horde von Fischchen uns eine morgendliche Kitzeleinheit verpassten. Wir hatten mal wieder ein Schweineglück.
In Tulum verbrachten wir Stunden im Meer und genossen die großen Brecher. Der Tag war vollkommen bewölkt gewesen und so blieben uns die Unmengen an Touristen erspart, die sich im angenehmen Schatten der Wolken nicht an den Strand und noch viel weniger ins Wasser trauten. Umso schöner für uns. Die Kletterschuhe im Gepäck begann der größte Spaß natürlich hinter den Absperrbändern
. Wir waren keine fünf Minuten am Klettern, da schlossen sich uns zwei sehr sympathische Brasilianerinnen an. Abends habe ich dann noch eine kunterbunte Hängematte gefunden. Nachdem Ahmed und ich die ganze Rasselbande am Flughafen abgesetzt hatten, begann für uns beide wohl eine der längsten durchgehenden Autofahrten unserer Leben. Es gibt schönere Dinge als 17 Stunden am Stück durch die Gegend zu düsen. Andererseits kam mir auf diesem Wege der Titel dieser Geschichte in den Sinn, denn eine riesige grüne Sumpflandschaft löste den weiten blauen Atlantik ab. Danach fuhren wir an großen hässlichen Industriestädten vorbei, bis wir wieder die ersten Berge im Nebel auftauchen sahen. Trotz aller Erschöpfung ist es doch ein unglaubliches Geschenk von einem derart riesigen Land so viel sehen und kennenlernen zu dürfen.
Einige Male viel es mir sehr schwer mich an derart viele Interessen einer achtköpfigen Gruppe anpassen zu müssen, alleine hätte ich aber niemals eine solche Reise, mit derart vielen Erfahrungen unternehmen können. Jeder Reisestiel birgt große Chancen und Einschränkungen. Es war eine schöne Erfahrung und eine unglaubliche schöne Reise, wenn auch nicht immer ganz leicht und freudig.
Nun freue ich mich aber auch schon wieder darauf die nächsten Schritte alleine setzen zu können und zu sehen mit wem und was sie sich kreuzen werden.
Momentan genieße ich jedoch noch die unheimlich herzliche Atmosphäre in Ahmeds Familie. Ein Ort an dem ich mich wie zu Hause fühlen darf und mich von den Strapazen der langen Reise ausruhen kann. Die lange Rückfahrt hat Ahmed und mich ziemlich umgehauen.
Heute sind wir noch spontan in die Oasis gefahren und haben die Highline am Wasserfall entlang gespannt. Entspannung pur. Naturerfahrungen in Michoacan können aber auch sehr Nervenaufreibend sein. Michoacan leidet sehr unter den Drogenproblemen Mexikos und es gibt starke Konflikte vor allem in den abgelegenen Bergen, also genau dort, wo man am schönsten Klettern kann.
Am Fuße der Schlucht stank ein Kadaver vor sich hin. Welch eine Überwindung nach zu sehen um was für einen toten Körper es sich handelt. Welch weltfremder und komischer Gedanke für einen aus dem sicheren Deutschland stammenden Momo, dass es sich nicht zweifelsfrei um ein Tier handeln muss. Gemeinsam sahen wir nach … es war ein Tier. Glück gehabt! Denn ein paar Meter weiter parkte ein Pickup zusammengestaucht in der Schlucht.
Nun ja meine Lieben. So ist das hier nun einmal und man will sich ja auch nicht in seinem Haus einschließen und vergammeln. Man muss halt mit Vor- und Umsicht aus dem Haus gehen.
Heute Abend werde ich mich erneut auf die Reise machen. Erster Stopp werden Zacatecas und Tacoaleche sein. Voraussichtlich Freitag werde ich weiter nach Durango fahren und einen Freund besuchen. Alles Weitere regelt sich dann vor Ort. Rund um den 25. Januar herum werde ich zurück nach Colima fahren. Ausreisepapiere bei den Behörden abholen und mich noch einmal ordentlich von diversen Freunden verabschieden. Anfang Februar möchte ich dann einen weiteren Kreis schließen, um noch einige Tage mit meinen morelianischen Freunden zu verbringen, ehe wir alle gemeinsam zum Flughafen aufbrechen. Soweit der Plan, der sich, wie jedes Kind hier weiß, ganz schnell und einfach verändern kann.
Warum erzähle ich euch so viele ungewisse Zukunftspläne? Nun, weil ich davon ausgehe, einen weiteren Monat nicht sehr viel von mir hören zu lassen. Und damit lass ich euch jetzt auch endlich in Ruhe. Habt eine schöne entspannte Woche.
Alles Liebe. Besitos y abrazos.
Euer Jonas/ Momo
P.S.
Ich habe den Schwarm durchgelesen. 1.200 Seiten Genuss und Spannung. Eine monatelange Beschäftigung und ein Sprachkurs der besonderen Art. Die letzten Zeilen, das letzte Wort und dann … ein schwarzes Loch, eine riesige Leere! Was kommt jetzt, mit was soll ich mich denn bloß beschäftigen? Fast kommt so etwas wie Trauer auf …
. P.P.S.
In Flensburg hätte ich im Traum nicht daran denken können, dass ein graubewölkter Himmel mich eines Tages derart faszinieren würde. Wir fuhren in Richtung Küste, als sich in den Bergen der Sierra Madre der Himmel zuzog und die Sonne für eine Weile verschwand. Ich konnte es kaum glauben, ein derart tristes Spektakel habe ich ja seit Monaten nicht mehr erlebt.
Noch einige weitere Male versteckte sich die Sonne auf unserer Reise hinter Wolken, ansonsten ist mir bewusst geworden, dass ich schon seit Monaten keinen Regen weder gespürt noch gesehen habe. Auch einer der wenigen windigen Tage, ließ mich an meine Heimat erinnern.
Ich glaube, mich erneut ans typisch norddeutsche Wetter gewöhnen zu müssen, wird mir einiges an mentaler Stärke abverlangen. Aber nun geht’s erst einmal in Richtung Nordmexiko, auf der Suche nach sonnigen Erinnerungen. Im Norden soll das Klima etwas frischer sein.
Die Reise geht weiter! Bis bald, arrivederci y hasta la vista baby …
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Net als Jonas naar Mexico?
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Na, Jones, das ist ja nicht mehr zu toppen, was Du schon wieder alles erlebt hast. Ich habe das Bier schon kaltgestellt, um genauere Erzählung wirst Du also nicht herumkommen 
Na das eine bild erinnert mich ja sehr stark an die vorbereitungsnacht bei Tio Klaus, el mariachi.
Konnten wir dir dann ja doch etwas mit auf den Weg geben. Deine Fotos sind fantastisch zum Träumen und es gilt schon wieder der Spruch "Wer lesen kann ist stark im Nachteil." Nich nich?
Besitos
Mein lieber Jonas, durch Zufall bin ich gerad auf deine alte Bloggseite gestoßen und siehe da - er schreibt wieder.
Um das alles zu lesen fehlte mir gerad die Zeit, doch zum Querlesen reichte es und ich bin überwältigt! Einfach nur unglaublich was du gerade erlebst, all diese Erfahrungen. Du musst auf jeden Fall zum nächsten FDA-Treffen kommen und erzählen, ich bin so gespannt.
Verdammt nochmal Joni, du bist so mutig und abenteuerlustig geworden, das ist absolut verrückt was du da gerad erleben darfst. Ich beneide dich! Ich komm ja sonst schon nie auf deine tollen Fotos bei FB klar, aber jetzt...
Mach weiter so und hab noch eine wunderbare Zeit! (Hab von Aniko auch gehört das es bald nochmal nach Chile geht - einfach toll!)
Fühl dich ganz doll gedrückt, Jonibär!
hey, Jonibär, wenn ich so deine Fotos betrachte und wie das eine in das andere übergeht, dann habe ich so das Gefühl, als wenn die dicke Spinne in der Tortilla landet ... aber das ist wohl nur eine Illusion, oder? 
Soll dich von der gesamten Großfamilie grüßen ... und wirklich, hier sehnst du dich schon bald wieder nach einem Stückchen Blau am Himmel (aber es ist doch schön, dass man dich mit einem grauen Himmel zu sehnsuchtsvollen Gedanken an Zuhause bringen kann
).
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Morelia| Esdutidos Internacionales ... | (2011) |







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