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Jonas,
27 Juli 2010
Germany
, Flensburg
23°
Hallo und herzlich Willkommen zu meinem abschließenden Bericht.
Ich glaube, dass dies der schwierigste Text von allen werden wird. Seit Tagen suche ich nach passenden Geschichtchen aus meinen ersten zwei Wochen in Deutschland. Irgendwie fällt es mir schwer den roten Faden für einen kleinen Text zu finden. Mein Schwesterchen sagte mir, dass ich doch dann einfach mal den grünen Faden ausprobieren solle. Vielleicht ist das ja der richtige Anfang, wenn man gerade in eine alte und doch ganz neue Welt verschoben wurde. Von Chile aus betrachtet müsste hier ja rein Theoretisch alles auf dem Kopf stehen und so kommt mir vieles auch vor.
Meine Haare fliegen wild von links nach rechts und von oben nach unten. Die Arme wedeln in alle Richtungen und auch der Hüftschwung ist ein kleinwenig besser geworden. Mittlerweile hat sich der Tanzbereich zur Sauna entwickelt und die winterlichen Außentemperaturen waren schon lange aus den Räumlichkeiten verbannt. Während die allgemeine Müdigkeit zuschlug und die Tanzfläche immer leerer wurde, gab es doch noch einige „Locos“, die dachten, dass man durch fortwährendes abzappeln die Zeit anhalten könnte. Nach schon zwei durchgemachten Nächten und einer wirklich wunder schönen Hochzeitsfeier einer Cousine, auf der ich noch halbfreiwillig zu einer Spontanrede aufstehen musste, kam dann doch plötzlich der lang verdrängte Augenblick des Abschied Nehmens. Ein Augenblick der sich immer und immer mehr in die Länge zog und doch viel zu schnell vorbei ging. Nicht nur auf meinen Wangen rollten die Krokodilstränen in Richtung Hals. Un amigo mio me digó: „No seas maricon weon … deja llorar!“ Y cuando me miró con sus ojos rojos nos despedimos con un abrazo y una gran risa. Ein Freund sagte mir: “Sei keine Schwuchtel ... Alter hör auf zu heulen!” Und als ich ihn durch meine verweinten Augen ansah, blinzelten mich zwei eben solch rote Augen zurück an. Wir verabschiedeten uns mit einer dicken Umarmung und einem verheulten dicken Lächeln auf den Lippen. „Hasta luego!“ Bis bald! Und schon verschwand ich im morgendlichen Nebel, der sich in den Straßen noch gefangen hielt.
Wie sich es für einen Chilenen gehört trat ich meinen ersten Reiseabschnitt mit einer 20 minütigen Verspätung an, die ja eigentlich schon eingeplant war. Valdivia, mein zweites zu Hause, zeigte sich gegen 8 Uhr morgens noch mal von seiner aller schönsten Seite, mit einem wunderschönen Sonnenaufgang über dem Fluss Calle-Calle, in dem wir so viele Kilometer geschwommen waren. Einige liebe Freunde kamen noch für einen letzten gemeinsamen Café und eine letzte Umarmung zum Busbahnhof. Es wurde kräftig Geschluckt aber ich hatte mir fest vorgenommen, vorm Einstieg in den Flieger nicht weiter zu weinen
. Ich schlief sofort ein, wurde aber schon bald von einigen Anrufen geweckt und konnte dann beim Gedanken, die Landschaft für lange Zeit nicht mehr sehen zu können, nicht wieder einschlafen. Immer noch lag dichter Nebel in den wunderschönen Tälern des Südens. In Puerto Montt kam mich noch eine meiner besten Freundinnen besuchen, die zufällig das Wochenende im Süden verbracht hatte. Als uns schon eine kalte Glaswand trennte lernte ich noch ein ganz bisschen Gebärdensprache. Mit erneut verweinten Augen sah ich Pola dann aus dem Sichtfeld meines Fensterplatzes verschwinden. Und ich befand mich alleine auf einer langen Reise in Richtung Norden. Es kam, wie es kommen musste. Ich genoss es meine letzten Pesos auf dem Flughafen zu verscherbeln und fing an mit einer Verkäuferin über Patagonien zu schnacken. Ich stieg als letzter in den großen Vogel ein, der mich über den großen Teich tragen sollte. Die Stewardessen schoben richtig Stress und beinahe hätte ich meinen Flug nach Hause unabsichtlich verpasst. In Madrid sollte dann eigentlich nur der Flieger gewechselt werden. Irgendwie geriet ich aber in eine spanische Fan-Schar, die gerade aus Südafrika zurückkehrte. Bei den ganzen spanischen Schlachtrufen überrollte mich eine neue Welle der Traurigkeit. Mir wurde das erste Mal der neue Gedanke aufgezwungen, dass ich nicht mehr in meinem heiß geliebten Chile befinde. Eins führte zum Anderen. Keiner hatte wirklich einen Plan und auf ein Mal stand ich in der großen Eingangshalle vom Madrider Flughafen. Der LAN-Schalter war schnell gefunden und ich hatte noch eine knappe dreiviertel Stunde Zeit, um mich wieder durch Sicherheitskontrollen zu schieben, den gesamten Flughafen zu durchqueren um meinen Flug nach Frankfurt noch zu erwischen. Am Ende reichte sogar noch die Zeit zum Zähne putzen.
In Frankfurt lief alles weniger Problematisch ab, nachdem ich durch die fragenden Blicke eines Arbeiters daran erinnert wurde, dass ich wieder auf Deutsch umschalten musste.
In Hamburg nahm ich dann meinen viel zu schweren Rucksack in Empfang, für den ich dank eines netten Gespräches mit der Schalterfrau in Santiago keinen Cent Übergewicht bezahlen musste. Bienvenido a Chile … egal wo, kann man noch mit Mitmenschen sprechen und bei besonderen Geschichten gibt es fast immer Möglichkeiten besondere Ausnahmen durchgehen zu lassen. Man hört sich zu und hat zumindest ein bisschen Interesse an seinen Mitmenschen und die Zeit und Ruhe an einem kleinen Small-Talk. Und dann lag ich auch schon meiner Familie, meiner Oma, einigen Tanten, Onkels und Cousinen in den Armen. Ich weiß nicht ob es an vergangenen Berichten gelegen hat, dass ich sofort mit Sekt und einer Flasche Bier begrüßt wurde
. Über uns Deutsche und auch uns Halbdeutsche (so würde ich mich selbst nach diesem wunderbaren Jahr mal beschreiben) gibt es so einige Vorurteile. Um nur ein paar zu nennen:
- Alle Deutschen sind groß.
- Alle Deutschen sind blond.
- Alle Deutschen haben blaue Augen.
- Alle Deutschen sind Gefühlskalt.
Mit dem Zusatz, Ausnahmen bestätigen die Regel, muss ich sagen, dass die Vorurteile STIMMEN
. Ich habe ja fast einen Schock erlitten, als ich in Frankfurt über den Flughafen ging und alle, aber wirklich alle Menschen blond und blauäugig waren. Das änderte sich auch nicht, als ich ein paar Tage später durch unsere Einkaufstraße schlenderte. Auch habe ich schon ein paar Mal den mutigen Schritt in die merkwürdige Gesellschaft gewagt und musste ganz schnell feststellen, dass auch letzteres Vorurteil stimmt. Auf den Straßen läuft man stumm aneinander Vorbei, man guckt sich nicht an, schon gar nicht würde man es wagen einen guten Tag zu wünschen. Auf dem Campus traf ich auf jemanden, dem wohl nicht so viel an Small-Talk-Möglichkeiten liegt. Auf die einfache Frage, wo sich denn das E-Gebäude befände, lief er stumm an mir vorbei, drehte sich nach 20 Metern um und nörgelte: „Da steht ne Karte!“. Als ob ich die noch nicht bemerkt hätte. Nun ja … der Kerl hatte auch einen üblen Sonnenbrand, vielleicht lag es ja auch daran.
Verkäuferinnen finden es tierisch uncool sich beim piepsen Zeit zu lassen und ein bisschen rum zu quatschen. Aber vielleicht sind es ja auch die großen Bosse die das blöd finden und alles mit Video bewachen, denn es könnten ja zwei, so wie so freie Minuten verloren gehen. Aber vielleicht Taucht ja ein Kunde aus dem Nichts aus, der dann auch durch die Kasse gehetzt werden muss.
Die ersten Tage viel ich auch noch ein paar Mal darauf rein, dass man Bekannte oder auch neue Bekanntschaften nicht mehr mit einem Küsschen auf die Wange begrüßt, sondern einfach nur die Hand voraus strecken muss. Diese Missverständnisse müssen für dritte Personen wohl immer sehr witzig ausgesehen haben.
Was mich ein bisschen beim Ankommen rettet ist der Sommer und die Möglichkeit ganz viel schwimmen zu gehen, das Meer und den Strand zu genießen. Das Internet wird immer wichtiger, denn es ist einfach nur genial, um so einfach weltweite Kontakte pflegen zu können und sich seinen lieben Freunden etwas näher zu fühlen, die man ja wohl für länger als nur einem Jahr nicht sehen wird. Aber da bleiben wir nun erst mal ganz „tranquilo“ und warten die nächsten Schritte ab. „Schritt für Schritt“ … und jeder der meinen Fuß kennen gelernt hat, weiß dass dieser Spruch für mich im vergangenen Jahr eine ganz besondere Bedeutung bekommen hat. Wer weiß schon, was und wer meine Lebenswege kreuzen werden und in unterschiedlichste Richtungen lenken werden. Vielleicht lerne ich ja schon diese Woche so einen Lebenswegbeeinflusser kennen. Ich weiß jetzt, sie warten überall auf der Welt auf dich, man weiß nur nicht wo sie stecken und wann sie zuschlagen. Man muss nur seine Augen und sein Herz offen halten um sie auf sich zukommen zu lassen und ihnen zu zuhören. Denn sie kommen versteckt und man kann sie nicht auf den ersten Blick erkennen. Umso mehr lernt man sie dann aber schätzen.
Ich glaube ich habe einige solcher Lebenswegbeeinflusser kennen gelernt und bin ganz sicher nicht als der Jonas wieder zurück gekommen, als der ich vor einem Jahr gegangen bin. Ich bin allen Erfahrungen, die ich sammeln durfte und allen Menschen, die ich kennen lernen durfte sehr dankbar mit und aus ihnen gelernt zu haben. Es war ein wunderbares Jahr mit vielen wunderschönen und extrem schweren Momenten. Genau dieser Zusammenklang, machte das Jahr zu etwas so besonderem. Als ich los fuhr, habe ich ein Buch geschenkt bekommen, welches mich das ganze Jahr durch alle schönen und schwierigen Momente begleitet hatte. Oft habe ich dem Buch viele Geschichten erzählt, doch ab und zu beglückte es mich mit wunderbaren Zitaten. Eines möchte ich euch nun zum Abschied anvertrauen.
„Ein Fremder ist ein Freund, den wir nur noch nicht kennen gelernt haben!“
Ich bin als Fremder in Chile angekommen und habe viele fremde Menschen kennen gelernt und viele Chilenen haben einen fremden deutschen jungen Mann kennen gelernt. Gegangen bin ich als Jonas, als Jonitas, als Juanas, als cuco oder auch als Tío Jonas, als compadre und als amigo. Als Freund!
Nun bin ich wieder in Deutschland, in meiner alten neuen Welt. Manchmal ein Fremder in meinem eigenen Land.
En recuerdo a todos mis queridos amigos que andaban de forasteros. Un abrazo a todos. Los extraño y quiero mucho.Cada uno de usds. es un precioso regalo!
Euer Jonibär
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Kommentare zu diesem Eintrag
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27 Juli 2010
Bien!! debe ser dificil este cambio... las culturas son totalmente distintas!! me alegra que conocieras lo cariñosos que somos!!ya te daras cuenta que la amistad es tan grande, que no importa la distancia...
un abrazo 
28 Juli 2010
bienvenido pola,
que bacan. eres la primera chilena con un comentario en mi pagina. bacan, bacan, bacan ... estaba saltando en mi piesa de alegria
.
estoy aciendo un libro con todas las historias y fotos. este libro va a ser para mis amigos y amigas chilenas.
con mucho cariño. un abrazo gigante desde la distancia, que no importa. :*
28 Juli 2010
Und deine Schwester hat sogar auch schon was von dir gelernt
Da sag ich doch nur:" Que rico tu poto und erst dein Hüftschwung!"
Super schöner Text. 
28 Juli 2010
me gusta mucho! 
ich muss mir bei gelegenheit mal deine vorherigen berichte durchlesen, denn ich muss gestehen, dass ich das bis jetzt noch nicht gemacht hab. lo siento por eso!
ich finde auf jeden fall, dass du echt gut schreibst. es macht spass es zu lesen und auch wenn mein abenteuer ein kleines wenig anders war/ist weiss ich ganz genau wovon du redest! 
wenn ich hier fertig bin mit was auch immer ich hier will, werd ich auf jeden fall nach suedamerika gehen, denn so wie ich das sehe sind die menschen von dort eindeutig die herzlichsten die ich kenne!
anyway: ich hoffe, dass wir beide uns frueher oder spaeter endlich wieder sehen...vielleicht ja wenn ich wegen meines visums nach deutschland komm!?
un abrazo y un beso para mi quierido amigo 
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